Textilien: Recycling und Entsorgung


Textilien: Recycling und Entsorgung
Textilien: Recycling und Entsorgung
 
Früher waren Textilien wertvolle Gebrauchsgüter. Sie wurden sorgsam behandelt, gepflegt, geflickt und bis zum letzten Zipfel wieder verwertet. Altkleider dienten als Ausgangsstoff für neue Kleidung, als Futterstoff, für Heimtextilien oder als Putzlappen — in den Müll kamen sie nicht. Waren sie im Haushalt zu nichts mehr zu gebrauchen, bekam man beim Lumpensammler noch ein paar Pfennige dafür.
 
Heute ist die Mode einem so schnellen Wechsel unterworfen, dass man die Kleidung gar nicht mehr auftragen kann, wenn man mit der Mode gehen will. Die Verwendungszeit von Textilien liegt vor allem in den reichen Ländern insgesamt deutlich unter der Haltbarkeit.
 
Nach Berechnungen der Bekleidungsindustrie könnte der deutsche Durchschnittsbürger theoretisch ohne weiteres sieben bis zehn Jahre ohne den Neukauf von Textilien auskommen, bei voller Funktionsfähigkeit seiner Kleidung. Zehn bis 15 Prozent der gekauften Kleidung wurde nie oder nur einmal getragen und ist eine reine Fehlinvestition. Das reichhaltige Sortiment und die zahllosen Billigangebote verlocken die Verbraucher. Die Folge sind große Mengen an gebrauchstüchtigen Alttextilien, deren Entsorgung zunehmend Probleme bereitet.
 
 Altkleider
 
Viele gute, kaum getragene Kleidungsstücke wandern in die Altkleidersammlung oder in den Müll. In Deutschland werden jährlich schätzungsweise zwischen 300 000 und 520 000 Tonnen Bekleidung über Altkleidersammlungen erfasst.
 
Anders als man annehmen könnte, kommen Kleiderspenden häufig nicht direkt bedürftigen Menschen zu, sondern über den Erlös des Verkaufs an Zwischenhändler, die damit meist Export betreiben. Unsortierte deutsche Altkleider gelten im internationalen Vergleich als hochwertig. Je nach Region und sozialer Herkunft sind 40 bis 55 Prozent der Altkleider so gut erhalten, dass sie ohne Reparatur sofort wieder getragen werden können. Nur fünf bis acht Prozent der Waren geht in westeuropäische und deutsche Secondhandläden, ein zunehmender Teil wird in osteuropäische Staaten verkauft, etwa 30 Prozent gelangt in afrikanische Staaten.
 
Gegen die Importkleider kann die einheimische Textil- und Bekleidungsindustrie der afrikanischen Länder nicht konkurrieren. Übermäßige Exporte in die Entwicklungsländer schaden nach Ansicht von Dritte-Welt-Organisationen und kirchlichen Gruppen ebenso wie die illegalen Transaktionen einiger Exporteure, welche die Altkleider teilweise undeklariert ins Ausland verkaufen, um Steuern und Zölle zu sparen oder um die Importverbote einzelner Länder zu umgehen. Es wird vermutet, dass dadurch bereits Zehntausende Arbeitsplätze verloren gegangen sind.
 
Hingegen kommt an den Beispielen Ghana und Tunesien die Schweizerische Akademie für Entwicklung (SAD) nach einer Befragung von circa 3000 Konsumenten, Produzenten und Händlern zu dem Ergebnis, dass Altkleiderexporte keine Arbeitsplätze in der Dritten Welt vernichten. In Tunesien ist die Bekleidungsindustrie trotz der Einfuhren nach der Landwirtschaft der zweitgrößte Arbeitgeber. In Ghana leben 150 000 Menschen vom Handel und vom Umarbeiten der gebrauchten europäischen Kleidungsstücke. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt ein Kurzgutachten im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Neben den positiven Beschäftigungseffekten auf das Schneidereihandwerk belaufen sich die Zolleinnahmen in den afrikanischen Staaten auf rund 150 Millionen DM.
 
 
Die Wiederverwertung von Alttextilien gehört zu den ältesten Verfahren, Stoffkreisläufe zu schließen. In der Textilindustrie führten die hohen Materialkosten schon früh zu einer Mehrfachnutzung der Rohstoffe. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren Lumpen, vor allem aus Leinen, Rohstoff für die Papierherstellung, bis sie von Holzschliff und Zellstoff verdrängt wurden. Bereits vor 800 Jahren entwickelte sich Prato, eine Stadt in der Nähe von Florenz, zum Zentrum des Textilrecyclings. Besonders Wolle wurde hier aufbereitet und neu versponnen. Recycelte Stoffe wurden in den Nachkriegsjahren stark nachgefragt, denn ein Meter Mantelstoff aus Prato kostete damals 4 DM, die gleiche Menge aus englischer Schurwolle dagegen 50 DM. Heute werden in Prato mehr als 50 000 Tonnen Alttextilien und Produktionsabfälle aus Deutschland verarbeitet. Inzwischen ist die Konkurrenz aus Billiglohnländern wie Indien und Pakistan groß.
 
Nach Untersuchungen der Forschungsstelle allgemeine und textile Marktwirtschaft (FATM) an der Universität Münster sind in Deutschland 1996 rund 1,45 Millionen Tonnen Alttextilien — auch Produktionsabfälle aus der Bekleidungsindustrie sowie Heim- und Haustextilien — angefallen. Davon waren 870 000 Tonnen (60 Prozent) Bekleidungstextilien, 140 000 Tonnen (30,3 Prozent) Haustextilien wie Bettwäsche und Handtücher und 440 000 Tonnen (9,7 Prozent) Heimtextilien wie Teppiche und Gardinen. Knapp die Hälfte (711 000 Tonnen) wurde erfasst und einer Weiterverwertung zugeführt, etwa 732 000 Tonnen wurden gleich entsorgt.
 
Von den 711 000 Tonnen gelangten 615 000 Tonnen auf den Alttextilienmarkt. Die Differenz von 96 000 Tonnen ging zum Teil direkt in Katastrophengebiete oder in die thermische Entsorgung, beispielsweise in Zementfabriken.
 
Von den 615 000 Tonnen werden knapp 50 Prozent in ihrer ursprünglichen Funktion wieder verwertet, 17 Prozent werden zu Putzlappen und 22 Prozent zu Reißspinnstoffen verarbeitet. Aus den Reißfasern werden Recyclingprodukte hergestellt. 10 Prozent sind Abfall.
 
Die vielfältigen Fasermischungen der Ausgangsmaterialien erschweren ein Recycling, denn Sortenreinheit oder Trennbarkeit der Materialien ist die Voraussetzung zur Herstellung hochwertiger Produkte aus Alttextilien. Bindemittelverfestigte Vliesstoffe, Teppichböden und Fasermischungen mit Elastan bereiten den Recyclingfirmen große Probleme.
 
Alttextilien aus Containern oder Haussammlungen sind im Gegensatz zu Produktionsabfällen uneinheitlich und müssen sortiert werden. Das Sortieren geschieht ausschließlich von Hand, was mit hohem Personalaufwand verbunden und somit sehr lohn- und kostenintensiv ist. Für die weitere Verarbeitung ist das Sortieren nach Faserart, Farbe und Flächengebilde eine wichtige Voraussetzung.
 
Reißfasern
 
Die vorsortierten textilen Wertstoffe werden mechanisch vorzerkleinert und dann möglichst schonend so lange im Krempelwolf zerrissen, bis die Fasern übrig bleiben. Beim Zerkleinern werden nicht textile Bestandteile, wie Knöpfe und Reißverschlüsse, aussortiert, da sie die Aufarbeitung stören. Man wendet Verfahren an, die aufgrund physikalischer Prinzipien funktionieren, wie Magnetismus, Zentrifugalkraft und Windsichtung. Es gibt bereits Anlagen, in denen die Hartteile automatisch im laufenden Prozess ausgeschieden werden. Solche Reißanlagen produzieren bis zu drei Tonnen Reißfasern pro Stunde. Reißfasern werden grob nach der Farbrichtung und überwiegenden Faserstoffbestandteilen klassifiziert.
 
Etwa zehn kleine bis mittelständische Unternehmen produzieren in Deutschland jährlich rund 60 000 Tonnen Reißfasern, die überwiegend zur Vliesstoff- und Garnherstellung dienen. Die Reißfasern in der Vliesstoffherstellung stammen meist aus Abfällen der Konfektion, Spinnerei und Weberei. Weitere Produkte aus Reißfasern sind Form- und Dämmteile für Kraftfahrzeuge und Haushaltsgeräte. Reißfasern werden auch zur Herstellung von Garnen und textilen Flächen für Pullover, Jacken, Anzüge, Decken, Möbelbezugsstoffe, Teppiche und technische Textilien eingesetzt.
 
Chemisches Recycling
 
Für synthetische Fasern kommt auch eine chemische Wiederverwertung infrage, was allerdings sortenreine Materialien erfordert. Dann können die Kunstfasern geschmolzen, granuliert und erneut zu Fasern ausgesponnen werden. Sortenreiner Polyester kann sogar aus Mischtextilabfällen gewonnen werden. Durch die Kombination einer enzymatischen Behandlung, konventionellen Reißens und Faserstoffentstaubens ist es möglich, zellulosische Faserstoffanteile nahezu vollständig zu entfernen, und der Polyester bleibt übrig.
 
Chemiefaserabfälle aus der Produktion werden schon seit langem zu verschiedenen Produkten, vom Blumenkasten bis zum Autoformteil, recycelt. Viskose, Polyester und Polypropylen sind relativ leicht zu recyceln, während bei Polyamid die Depolymerisation größere Probleme verursacht. Elastan lässt sich bislang nicht aufbereiten, ebenso Textilien mit Elastananteil, weil sich das elastische Material in den Maschinen verfängt.
 
Die Wetterschutzmembranen Goretex und Sympatex werden aus getragener, beim Fachhandel angelieferter, sortenreiner Polyesterkleidung weitgehend wiedergewonnen (ECOLOG). Ähnliche Bemühungen gibt es für Tyvrekschutzanzüge, die vor Bakterien, Säuren und Mikrowellen schützen. Sie können an den Hersteller DuPont zurückgesandt werden.
 
Darüber hinaus werden Sekundärfaserstoffe zu nicht textilen Produkten verarbeitet. Im Straßenbau vermindert man mit Textilschnitzeln die Sprödbruchgefahr von Beton. Weitere zukünftig mögliche Einsatzgebiete sind die Papier- und Pappeherstellung.
 
 
Der größte Teil der Alttextilien wird im Moment aber keiner zweiten Verwertung zugeführt, sondern landet in der Müllverbrennungsanlage oder auf der Deponie. Synthetische Chemiefasern sind auf der Mülldeponie schwer abbaubar. Viele Textilchemikalien sind ebenfalls schwer abbaubar und darüber hinaus häufig giftig. In der Müllverbrennung entstehen aus Fasern und Textilchemikalien giftige Verbrennungsprodukte.
 
Bei der Verbrennung entwickeln Zellulosefasern, Polyester und Polypropylen Kohlendioxid und Wasser. Bei den stickstoffhaltigen Fasern, wie Wolle, Seide, Polyamid und Polyacryl entstehen zusätzlich Stickoxide. Ob sich weitere giftige Substanzen wie etwa Dioxine bilden, ist abhängig von der Textilausrüstung sowie von der Temperatur und der Sauerstoffzufuhr bei der Verbrennung. Dadurch dass Textilien einen relativ hohen Heizwert besitzen, tragen sie in der thermischen Entsorgung zur Stromerzeugung bei. Damit ist die Endstufe der textilen Kette erreicht.
 
Dr. Cornelia Voss
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Textilien: Trageeigenschaften und Unverträglichkeiten
 
 
Eberle, Ulrike / Reichart, Inge: Textilrecycling. Düsseldorf 1996.
 Hütz-Adams, Friedel: Kleider machen Beute. Deutsche Altkleider vernichten afrikanische Arbeitsplätze. Eine Studie. Siegburg 1995.
 Schmitz, Egmont: Altkleider vernichten keine Arbeitsplätze in der Dritten Welt, in: Kommunalwirtschaft, Nr. 5. Wuppertal 1999

Universal-Lexikon. 2012.

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